Welche Deckungssumme brauche ich wirklich?
Das Wichtigste in Kürze
Das gesetzliche Minimum für die Berufshaftpflicht liegt bei 3 Millionen Euro. Für viele Fachrichtungen ist das grob unzureichend. Millionenschwere Schadensersatzurteile im Arzthaftungsrecht sind keine Seltenheit – und wer die falsche Deckungssumme hat, haftet persönlich für die Differenz.
Warum die gesetzliche Mindestdeckung oft nicht reicht
Die gesetzliche Mindestdeckung von 3 Mio. € wurde zuletzt 2013 angepasst. Seither sind Schadensersatzurteile erheblich gestiegen:
- Schmerzensgeld: Bis zu 500.000 € in schweren Fällen
- Erwerbsschaden: Bei dauerhafter Arbeitsunfähigkeit über Jahrzehnte schnell 1–2 Mio. €
- Haushaltsführungsschaden: Kosten für Pflegepersonal über Jahrzehnte
- Gerichts- und Anwaltskosten: Bei langen Verfahren erheblich
- Kumulschäden: Wenn mehrere Patienten vom gleichen Fehler betroffen sind
Rechenbeispiel Geburtsschaden: Ein Kind erleidet bei der Geburt einen Hirnschaden. Es ist dauerhaft pflegebedürftig. Erwerbsschaden (40 Jahre), Pflegekosten, Schmerzensgeld und Behandlungskosten können sich auf 5–10 Mio. € summieren. Eine Police mit 3 Mio. € Deckung deckt das nicht – der Arzt haftet persönlich für den Rest.
Empfohlene Deckungssummen nach Fachrichtung
Diese Empfehlungen basieren auf aktuellen Schadensstatistiken und Urteilen:
| Fachrichtung | Mindest-Deckung | Empfohlen |
|---|---|---|
| Allgemeinmedizin | 3 Mio. € | 5 Mio. € |
| Innere Medizin | 3 Mio. € | 5 Mio. € |
| Psychiatrie / Psychotherapie | 3 Mio. € | 5 Mio. € |
| Dermatologie | 3 Mio. € | 5 Mio. € |
| HNO | 3 Mio. € | 5 Mio. € |
| Pädiatrie | 5 Mio. € | 8 Mio. € |
| Orthopädie / Unfallchirurgie | 5 Mio. € | 8–10 Mio. € |
| Allgemeinchirurgie | 5 Mio. € | 8–10 Mio. € |
| Anästhesiologie | 5 Mio. € | 8–10 Mio. € |
| Radiologie / Nuklearmedizin | 5 Mio. € | 8 Mio. € |
| Neurochirurgie | 8 Mio. € | 10–15 Mio. € |
| Gynäkologie ohne Geburtshilfe | 5 Mio. € | 8–10 Mio. € |
| Gynäkologie mit Geburtshilfe | 10 Mio. € | 15–20 Mio. € |
Weitere Faktoren die die Deckungssumme beeinflussen
Praxisgröße und Patientenvolumen
Je mehr Patienten Sie behandeln, desto höher das statistische Risiko eines Schadensfalls. Eine große Praxis mit vielen Patienten sollte höher versichert sein.
Invasivität der Eingriffe
Je invasiver die Eingriffe, desto höher das Schadenspotenzial. Ein Hautarzt der nur konservativ behandelt braucht weniger Deckung als ein Orthopäde der operiert.
Behandlung von Kindern
Schäden bei Kindern haben ein besonders hohes Schadenpotenzial – lange Lebenserwartung bedeutet langen Erwerbsschaden und lange Pflegekosten.
Belegarzttätigkeit
Als Belegarzt tragen Sie ggf. zusätzliche Risiken. Prüfen Sie ob und wie die Deckungssumme angepasst werden muss.
Gemeinschaftspraxis / MVZ
Bei mehreren Ärzten kumulieren sich die Risiken. Eine gemeinsame Police mit ausreichend hoher Deckung ist essenziell.
Jahreshöchstleistung vs. Einzelfall
Wichtig: Die meisten Policen haben nicht nur eine Deckungssumme pro Einzelfall, sondern auch eine Jahreshöchstleistung.
Beispiel:
- Deckungssumme pro Einzelfall: 5 Mio. €
- Jahreshöchstleistung: 10 Mio. €
Das bedeutet: Bei mehreren Schadenfällen im gleichen Jahr ist die Gesamtleistung auf 10 Mio. € begrenzt. Prüfen Sie beide Zahlen.
Was kostet eine höhere Deckungssumme?
Die Mehrkosten für eine höhere Deckungssumme sind oft geringer als viele erwarten:
| Erhöhung | Ungefähre Mehrkosten pro Jahr |
|---|---|
| Von 3 auf 5 Mio. € | ca. 100–300 € |
| Von 5 auf 8 Mio. € | ca. 150–400 € |
| Von 8 auf 10 Mio. € | ca. 100–250 € |
| Von 10 auf 15 Mio. € | ca. 200–500 € |
Angesichts des Risikos sind das Beträge, die sich jeder Arzt leisten kann und leisten sollte.
Checkliste: Die richtige Deckungssumme wählen
- ☐ Gesetzliches Minimum (3 Mio. €) ist bekannt
- ☐ Fachrichtungsspezifische Empfehlung ermittelt
- ☐ Jahreshöchstleistung geprüft (nicht nur Einzelfall)
- ☐ Patientenvolumen berücksichtigt
- ☐ Belegarzttätigkeit einkalkuliert
- ☐ Behandlung von Kindern berücksichtigt
- ☐ Kosten der Erhöhung geprüft (oft günstiger als erwartet)
- ☐ Marktvergleich: Verschiedene Anbieter verglichen
Fazit
Die richtige Deckungssumme ist keine Frage des Sparens – sie ist eine Frage des Überlebens Ihrer finanziellen Existenz. Ein Schadenfall, der die Deckungssumme übersteigt, trifft Sie persönlich und unbegrenzt. Passen Sie Ihre Deckungssumme an Ihre Fachrichtung, Ihr Patientenvolumen und Ihr Risikoprofil an.
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